Frau Senatorin Blumenthal, haben Sie uns eigentlich zugehört?Offener Brief zur Pressemitteilung der Wissenschaftsbehörde vom 28.09.2026
1. Oktober 2026
Wir, der Fachschaftsrat Rechtswissenschaft der Universität Hamburg, saßen am Montag in der öffentlichen Anhörung „Wissenschaft unter Druck“ vor Ihnen und haben erklärt, was die finanzielle Situation an unserer Fakultät inzwischen konkret bedeutet.
Am selben Tag veröffentlicht Ihre Behörde eine Pressemitteilung. Darin lesen wir wieder von ausfinanzierten Zukunftsverträgen, Hochschulautonomie, „Priorisierung mit Augenmaß“, Investitionen und internationaler Exzellenz. Das ist eine Antwort auf vieles. Auf das, was wir Ihnen gesagt haben, ist es jedoch keine.
Wir haben Ihnen geschildert, was inzwischen an unserer Fakultät gestrichen, reduziert und nicht mehr nachbesetzt wird. Sie kennen die Zahlen. Spätestens seit Montag kennen Sie auch die Folgen. Und die lassen sich nicht mit „Priorisierung mit Augenmaß“ schönreden: Unsere Ausbildung wird schlechter. Jetzt! Mittlerweile sagt das nicht mehr nur der Fachschaftsrat. Unser Dekan, Prof. Dr. Repgen, warnt selbst davor, dass die beschlossenen Einsparungen die Studienbedingungen verschlechtern werden. Bei einer Fortschreibung der bisherigen Ausgaben wäre der Betrieb der Fakultät laut Prof. Dr. Repgen bereits 2028 nicht mehr finanzierbar.
Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem wir als Fachschaftsrat Rechtswissenschaft ernsthaft darüber diskutieren, ob wir Studieninteressierten und Wechselwilligen die Universität Hamburg noch guten Gewissens empfehlen können. Unsere eigenen Kommiliton:innen sagen uns zunehmend, dass sie sich wünschen, die Bucerius Law School sich leisten zu können. Uns gibt das zu denken, Ihnen hoffentlich auch. Denn wenn Studierende einer staatlichen Universität anfangen, gute Ausbildungsbedingungen für etwas zu halten, das man sich privat leisten können muss, dann reden wir nicht mehr über abstrakte Haushaltszahlen. Dann reden wir über die Folgen Ihrer Wissenschaftspolitik.
Und genau darüber wollten wir mit Ihnen sprechen.
Ihr eigener Universitätspräsident wurde in der Anhörung unmittelbar auf unsere Schilderung angesprochen. Sinngemäß erklärte Prof. Dr. Hauke Heekeren, dass auch er diese Entwicklung nicht gutheiße, unsere Darstellung aber zutreffe und angesichts der finanziellen Situation insbesondere dort gestrichen werde, wo die Universität zu einer Leistung nicht gesetzlich verpflichtet sei. Das sollte eine Wissenschaftssenatorin nicht beruhigen. Es sollte sie alarmieren.
Müssen wir künftig jede Struktur, die für eine gute juristische Ausbildung notwendig ist, gesetzlich absichern, damit sie nicht gestrichen wird?
Wir wissen, was Hochschulautonomie bedeutet. Sie beantwortet die Frage, wer entscheiden muss, wo gekürzt wird. Sie erklärt nicht, warum überhaupt am Notwendigen gekürzt werden muss. Für die finanziellen Rahmenbedingungen trägt die Politik Verantwortung.
Der Doppelhaushalt 2027/28 ist noch nicht beschlossen. Es ist noch nicht zu spät für eine politische Reaktion auf unsere Berichte und die Warnungen zahlreicher Kolleg:innen.
500 Millionen Euro – aber für welches Problem?
Gleichzeitig verweist Ihre Behörde auf erhebliche Investitionen in Forschungsbauten, Hochschulbau und Forschungsinfrastruktur sowie auf die abgesicherte Exzellenzstrategie.
Schön. Aber was davon beantwortet unsere Frage?
HAFUN kauft uns keine Bücher. PETRA IV korrigiert keine Probeexamsklausuren. Ein Exzellenzcluster besetzt die Stellen unseres Mittelbaus nicht nach.
Wie interessant ist die Ausbildung von Jurist:innen für die Hamburger Wissenschaftspolitik eigentlich noch, wenn sich damit keine Großforschungsanlage eröffnen lässt?
Besonders bemerkenswert wird das mit Blick auf die eigenen Ziele des Senats. In seinem Haushaltsentwurf erklärt er, die „Sicherung des Rechtsstaats auch in schwierigen Zeiten“ bleibe ein Schwerpunkt. Wir erlauben uns erneut den Hinweis: Der Rechtsstaat braucht gut ausgebildete Jurist:innen. Folglich wäre es möglicherweise keine schlechte Idee, die Qualität der juristischen Ausbildung an Hamburgs staatlicher Universität nicht immer weiter abzubauen.
„Sehr enger Austausch“ – mit wem?
Vielleicht mit Hochschulleitung. Vielleicht mit Vertreter:innen des AStA. Aber warum nicht mit uns? Warum nicht mit Studierenden, die die Folgen dieser Entscheidung unmittelbar in ihrem Studium erleben?
Wir haben Sie bereits zu einer studentisch organisierten Podiumsdiskussion über genau diese Situation eingeladen. Von Ihnen und Ihrer Behörde erhielten wir darauf keine Antwort. Auch am Montag haben wir Sie und die Bürgerschaftsabgeordneten des Wissenschaftsausschusses eingeladen. Vielleicht ist unsere Einladung untergegangen.
Deshalb sprechen wir diese hier noch einmal öffentlich aus: Frau Senatorin Blumenthal, kommen Sie zu uns. Sprechen Sie mit unseren Studierenden. Sehen Sie sich an, was die aktuelle Finanzierung für unsere Fakultät tatsächlich bedeutet. Nehmen Sie uns ernst. Hören Sie uns endlich zu.
Sie schreiben: „Wissenschaft bleibt Zukunftsaufgabe.“ Wir studieren aber jetzt.
Unsere Einladung steht. Wir warten auf Ihre E-Mail.
Mit freundlichen Grüßen,
der Fachschaftsrat Rechtswissenschaft der Universität Hamburg
E-Mail: fsr.jura"AT"uni-hamburg.de
Mitunterzeichnet vom AStA der Universität Hamburg
